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30.08.16

Verdauungsprobleme beim Hund- Ausdruck einer Futtermittelallergie? Was taugen die verfügbaren Bluttests?

Paolo war ein 5-jähriger Bostonterrierrüde, der in der Hautsprechstunde vorgestellt wurde aufgrund einer laut seinem Halter unkontrollierbaren Futtermittelallergie. Paolo’s Herrchen berichtete im Vorgespräch, der Hund zeige seit ungefähr 2 Monaten wechselnde Verdauungsbeschwerden, zu denen ein häufiger Kotabsatz (bis zu 6-7 Mal am Tag) und eine wechselnde Kotkonsistenz von weich-breiig bis hin zu wässrig zählte. Auch beobachtete der Halter gelegentlich kleine Mengen Blut im Kot des Hunde, zudem schien der Kot oftmals von einer Schleimschicht überzogen, ähnlich einer Wurst“pelle“.

„Passt alles zu einer Futtermittelallergie“ hatte der Haustierarzt befunden. Und weil’s am schnellsten geht, hatte dieser Paolo eine Blutprobe abgenommen und einen Bluttest auf Futtermittelallergien durchführen lassen. Dieser ergab dann auch prompt eine Reihe „positive Ergebnisse“. Laut dem in einem kommerziellen Veterinärlabor durchgeführten Bluttest „reagierte“ Paolo stark allergisch auf Rindfleisch, Kuhmilch, Lamm, Huhn und Weizen und „schwach positiv“ auf eine ganze Reihe anderer Futterkomponenten.

Also alles ganz einfach- Diagnose gestellt, Paolo wurde zur Bestätigung auf eine Diät bestehend auf den „negativ“ getesteten Zutaten gesetzt (man entschied sich für Pferdefleisch und Reis sowie ein kommerzielles Futter ebenfalls auf der Basis von Pferdefleisch) und es geschah – nichts. Die Verdauungsprobleme dauerten an, zudem zeigte Paolo zunehmend einen beachtlichen Gewichtsverlust.

Auf die Frage, ob der Hund Juckreiz zeige (der stets ebenfalls ein Hinweis auf eine allergische Erkrankung bedeuten kann) berichtete Herrchen, dass Paolo sich „öfter“ die Pfoten „beknabbere“ oder intensiv belecke. Nun, auch dieses Symptom hätte durchaus als Zeichen für Juckreiz für eine Futtermittelallergie gewertet werden können.

Wir entschieden uns allerdings zunächst und aufgrund der Symptome für eine parasitologische Kotuntersuchung, da Würmer und andere Darmparasiten bei Hunden ebenfalls zu den genannten Magen-Darmproblemen führen können, nicht zwangsläufig mit dem bloßen Auge im Kot zu erkennen sind und -(!) eine Entwurmungsbehandlung in Paolos Fall bereits einige Jahre zurücklag. Zu diesem Zweck ist es wichtig, Kot über 3 Tage zu sammeln und in einem geeigneten Behälter (Kotröhrchen) am 3. und letzten Tag in der Praxis zwecks Versand an ein Labor oder auch zur labortechnischen Untersuchung in eigener Praxis abzugeben.

Nun, das Ergebnis der Kotuntersuchung stand nach 45 Minuten fest und war durchaus geeignet, beide Symptome (Verdauungsbeschwerden ebenso wie das Beknabbern der Vorderpfoten) zu erklären: Paolo litt an einem Befall mit Hakenwürmern. Diese leben im Darm des Hundes und verursachen (mitunter auch nur sporadische) Durchfälle sowie weitere Verdauungsbeschwerden. Interessant und gleichzeitig die Erklärung für das Belecken der Pfoten jedoch ist in diesem Fall der Weg, auf dem die Hakenwürmer „in den Hund“ gelangen. Befallene Hunde scheiden mit ihrem Kot massenhaft Hakenwurmeier aus. Diese schlüpfen schließlich im Boden (Wiese etc.). Die frisch geschlüpften Wurmlarven bohren sich aktiv und bevorzugt in und durch die dünne Zwischenzehenhaut der zukünftigen „Wirte“ bevor sie schließlich den Darm des Hundes erreichen und dort zu geschlechtsreifen Hakenwürmern werden. Die Penetration durch die Zwischenzehenhaut führt zu teils massivem Juckreiz im Pfotenbereich.

Paolo bekam ein gängiges Entwurmungspräparat, regelmäßige Kotuntersuchung bestätigten in Folge den Erfolg der Behandlungen und der Hund zeigte dauerhaft weder Verdauungsprobleme, noch interessierte er sich mehr für seine Pfoten. Herrchen war glücklich und fragte jedoch verständlicher Weise was -war doch der Bluttest auf Nahrungsmittelallergien positiv ausgefallen- er Paolo in Zukunft füttern könne bzw. dürfe. Nun, Paolo bekam sein altes Futter sowie alle möglichen anderen Sorten und zeigte keine Symptome.

Hatte der Bluttest gelogen? Warum hatte er ein positives Ergebnis auf viele Nahrungsmittel angezeigt, die er tatsächlich jedoch ausgezeichnet und ohne Probleme vertrug?

 

Zum Verständnis:

Blutallergietests zur Abklärung eventuell vorhandener Umweltallergien sowie Futtermittelallergien basieren auf dem Prinzip, dass im Blut nach Antikörpern, also vom körpereigenen Immunsystem produzierten „Abwehrstoffen“ (so genannte IgE’s  und teilweise IgG’s) gesucht wird. Ig steht für Immunglobuline (=Antikörper), der letzte Buchstabe bezeichnet eine bestimmte Kategorie der Antikörper. Positiv bedeutet dass Antikörper (im Blut) zu finden sind, negativ dass keine anzutreffen sind.

Leider verhält es sich jedoch so, dass (und dies gilt besonders für solche Bluttests auf Futter/Nahrungsmittelallergien) nicht wenige gesunde Individuen (die also keinerlei Symptome zeigen) Antikörper gegen verschiedene Nahrungsmittelallergene im Blut aufweisen, ohne dass dies irgendeine Konsequenz im Sinne allergischer Reaktionen/Symptome hat. Ein auf Rindfleisch „positiv“ getestetes Individuum kann also unter Umständen Rindfleisch zu sich nehmen ohne die geringsten Krankheitszeichen zu entwickeln. Die Gründe hierfür sind vermutlich vielfältig und teils ungeklärt. Die Folge ist, dass derartige Bluttests meist untauglich sind, um eine genaue Diagnose zu erhalten, ja in die Irre führen können. Sie können allenfalls herangezogen werden, wenn beispielsweise eine bestehende Futtermittelallergie bereits bekannt ist und es darum geht, Nahrungsmittel/Zutaten heraus zu finden, die („negative Ergebnisse“) wahrscheinlich problemlos gefüttert werden können. Auch dies wagt der Autor jedoch wenigstens teilweise zu bezweifeln, denn Antikörper haben grundsätzlich eine bestimmte Halbwertzeit“ („Lebensdauer“), d.h. wenn ein entsprechender Reiz nicht vorhanden ist, nimmt ihr Gehalt im Blut langsam ab. Ein auf Rindfleisch allergischer Hund, der unter Umständen seit Jahren kein Rindfleisch gefüttert bekommen hat, könnte also rein theoretisch auch „falsch“ negativ sein.

Wir der Test dennoch durchgeführt, müssen die Testergebnisse wie die Experten sagen mit der klinischen Symptomatik (den sichtbaren Krankheitszeichen) korrelieren, will sagen, dass nur ein auf Rind positiv getesteter Hund, der tatsächlich in irgendeiner Weise auf gefüttertes Rindfleisch oder rindfleischhaltige Produkte reagiert auch faktisch an einer tatsächlichen Rinder(eiweiß)allergie leidet. Umgekehrt kann wie bereits erwähnt ein Patient im Bluttest „positiv“ reagieren, ohne jedoch entsprechende Probleme zu zeigen. Somit ist der Nutzen der verfügbaren Bluttests gerade im Hinblick auf die nicht unerheblichen Kosten äußerst zweifelhaft. Die Entscheidung ob ein solcher Test durchgeführt wird, muss schließlich im Einzelfall und gemeinsam mit dem Tierarzt (und nach Ausschluss anderer Ursachen für die vorhandenen Krankheitszeichen!) getroffen werden.

 

Fakt ist: Versuch und Irrtum bleibt auch hier, ebenso wie die so genannte Ausschlussdiät zur sicheren Feststellung einer vorhandenen Futtermittelallergie die einzige Art und Weise (Goldstandard) um wirklich Klarheit zu erhalten.

Bei der Ausschlussdiät zur Feststellung einer unterstellten Futterunverträglichkeit/-allergie wird über einen längeren (4-12 Wochen) Zeitraum ausschließlich eine Fleisch und eine Gemüsesorte gefüttert, die der Patient noch nie zuvor zu sich genommen hat. Das Prinzip beruht darauf, dass ein Stoff, mit dem ein Organismus noch niemals zuvor in Berührung gekommen ist bei diesem auch keine allergischen Reaktionen auslösen kann da die Voraussetzung für letztere eine bereits länger andauernde „Exposition“ voraussetzt, die ihrerseits die Voraussetzung für die Entstehung einer Abwehr gegen den Stoff ist. Verschwinden die verdächtigen Symptome während der Ausschlussfütterung und kehren sie nach erneuter Gabe des zuvor gefütterten Futters wieder („Provokationsfütterung“), steht die Diagnose. Bei der so genannten „sequentielle Einzelprovokation“ werden im Anschluss über 1-2 Wochen jeweils verschiedene Einzelzutaten (z.B. Fleischsorten“) zu – oder gefüttert, um im Falle einer „Reaktion“ in Form entsprechender Symptome deren Unverträglichkeit aufzuzeigen.

 

Die Moral von Paolo’s Geschichte ist neben der Untauglichkeit kostenintensiver Spezialtests schließlich noch eine andere: Zuerst sollte wie bereits erwähnt stets nach den einfachsten -statistisch häufigeren- Ursachen (hier Würmer) für ein bestimmtes Krankheitszeichen (in diesem Fall Durchfall) geschaut werden.

 

 

 

 

 

 

geschrieben von Dr. Martin Bucksch
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