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26.10.16

Pepe on Stage

„Pepe, es ist so weit, Du musst raus. Toi, toi, toi!“

 

„Raus? Wieso raus? Wohin raus??“.

 

Ich schrecke hoch. Sehe mich um, ohne allerdings besonders viel erkennen zu können. Es ist dunkel. Vor mir ein Vorhang. Vorhang?? Der sich soeben lichtet. Scheinwerfer, die mir gnadenlos und grell in mein zwar wie immer zauberhaftes aber in diesem Moment ebenso verwirrtes Antlitz leuchten. „Ich hatte doch noch gar keine Zeit, mir die Haare zu machen“ pflegte eine Großtante von Boss in solchen Situationen immer zu sagen. Wie kam ich jetzt bloß auf so was? Und lag ich nicht eben noch gemütlich dösend auf meinem Hundesofa? Ich drehe mich um. „Was……?“. Der Typ, der mir eben toi toi toi (wofür nur?) zugerufen hatte steht mit quer über der Brust verschränkten Armen hinter mir. Kein Entkommen, kein Zurück. „Dein Vortrag, kleiner!“ ruft er mir noch zu als ich mich bereits und nunmehr wie in Trance auf die Bühne zu bewege. Bühne?? In diesem Moment höre ich eine Stimme aus dem Lautsprecher, die zu den (jetzt sehe ich sie, es müssen hunderte sein!) in einem theaterähnlichen Saal versammelten Zuschauern sagt: „Bitte begrüßen Sie jetzt unseren nächsten Referenten, Pepe, der Ihnen eine Menge interessanter Dinge zum Thema erste Hilfe bei Hunden erzählen wird.“ Interessante Dinge? Ich? Was zum…..? Da stehe ich mitten auf einer riesigen Bühne und weiß so rein gar nicht, wie ich dorthin gekommen bin. Ein Traum. Es muss ein Traum sein. Ein Alptraum allerdings. Zittere ich? Nun, ich hechele, das lässt sich nicht verbergen. Erst einmal unauffällig und ausgiebig mit der Hinterpfote am Ohr gekratzt. Zeit gewinnen, nachdenken! Da war etwas mit erster Hilfe….aber was? Mehr Zeit gewinnen. Runter kommen. Cool bleiben…..Gerade bin ich noch mit Verlegenheitskratzen (und Nachdenken) beschäftigt, da höre ich es. Ein bekanntes Geräusch aus der Mitte der versammelten Zuschauer, die in gespannter Erwartung immer noch in meine Richtung sehen. Nein. Starren, nicht sehen. Und da war es schon wieder. Dieses unverkennbare Geräusch, das unsereins einen kalten Schauer über den Rücken jagt:

 

„Miau“.

 

Jetzt erwachen meine Geister (und meine Nackenhaare) alle auf einmal und ich blicke (Erste Hilfe hin oder her) geradeaus in die Reihen der Zuschauer. Sehe Retriever, Terrier, Boxer, Dackel (darunter eine absolut zauberhafte Dackeldame aber das gehört wohl nicht hierher), Pudel, verschiedene Mischlinge….und da- mitten unter ihnen und vollkommen ungeniert in meine Richtung blickend: ein Augenpaar, das so gar nicht zum Rest des Publikums passt. Katzenaugen? Katzenaugen! Und was für Katzenaugen! Große Katzenaugen. Bedrohlicher Blick. Dazu die gebleckten Fangzähne einer…..Raubkatze (jedenfalls einer großen Katze wie mir scheint)! Ich setze direkt zum Sprung an, jeden Muskel meines Körpers bis an die Grenzen gespannt und fliege auch schon todesmutig (Bei aller Bescheidenheit- Terrier halt…) mit einem kraftvollen Satz über die ersten Zuschauerreihen hinweg in Richtung der drohenden Gefahr. Dann wird es dunkel um mich. Habe ich die Massen vor der „Bestie“ gerettet? So muss es sein. Ich bin ein Held. Sicher. Höre ich Stimmen? Applaus?

 

„Jemand muss ihm erste Hilfe leisten, er zittert, weint und scheint zu krampfen.“

 

„Nein nein, er träumt nur“ höre ich jetzt Boss sagen. „Das ist sicher die Aufregung wegen des bevorstehenden Vortrags.“ „Er ist halt auch nicht mehr der Jüngste.“ Wie bitte??

 

Ich öffne die Augen und sehe, dass ich tatsächlich wieder (oder noch?) auf meinem Hundesofa liege. Mein Puls rast, ich atme schnell. Rasch sehe ich mich um. Keine Katze weit und breit. Nur ein lächelnder Boss.

 

Da soll noch mal jemand behaupten, unsereins könne  nicht träumen…….

 

Aber wovon hatte Boss bitte gesprochen? Welcher bevorstehende Vortrag? Ich erinnerte mich düster. Tatsächlich sollte an diesem Tag ein Vortrag gehalten werden. Nur nicht von meiner Wenigkeit, sondern von Boss. Messetage standen an und man hatte ihn gebeten, zwei Tage hintereinander gemeinsam mit einer Kollegin einen Vortrag zum Thema erste Hilfe bei Hunden zu halten. Boss hatte sich sehr geschmeichelt gefühlt, dass man ihn gefragt hatte und war deshalb auch etwas aufgeregt, tat allerdings so, als habe er („das machen wir doch mit links, kleiner“) so etwas schon hundertmal zuvor gemacht. „Dich nehmen wir als Vorführhund mit on stage“ hatte er mir bereits einige Tage zuvor anvertraut und ich fühlte mich geschmeichelt, auch wenn ich natürlich weiß, dass es ohnehin kaum einen hübscheren und bühnentauglicheren kleinen Vierbeiner gibt, als mich.

 

Was Boss mir zum besagten Zeitpunkt allerdings wohl wissend verschwiegen hatte war, dass ich im Rahmen seiner Vorträge zum Thema erste Hilfe einige praktische „Übungen“ über mich würde ergehen lassen müssen, auf die ich eigentlich gar nicht so stehe. (Mein!) Herz abhören und den Puls ertasten  gehören dabei noch zu den eher harmlosen Dingen. Aber sich wiederholt von fremden Personen (schlecht sitzende) Pfotenverbände anlegen zu lassen……

Ich persönlich bin ja der Meinung, dass man derartige Verrichtungen auch an einem „Dummie“ (oder viel besser meiner Hundefreundin Püppi, der so etwas sicher nicht viel ausmacht) demonstrieren könnte. Sicher wussten aber auch alle Beteiligten, dass meine bloße Präsenz die Blicke der Zuschauer nur unnötig vom Dummie oder Petra abgelenkt und aufgrund meiner überaus wirksamen Bühnenpräsenz magisch angezogen hätten. Zweifelsohne deshalb entschied man (Boss) sich dafür, dass ich allein in den sauren Apfel zu beißen hatte. Ein Star bleibt eben ein Star….

 

Es gibt allerdings so etwas wie Karma und das Schicksal rächt sich wie man so schön sagt. Nicht dass ich Boss böse gewesen wäre wegen der anstehenden Unannehmlichkeiten aber (auch wenn ihn keiner fragt)…..

 

Am ersten Tag der Vortragsreihe lief alles blendend und meine beiden Veterinäre waren wie die Zuschauer überaus zufrieden mit ihrer Leistung. Wir feierten die erfolgreiche Veranstaltung (natürlich war der Erfolg wesentlich meiner Wenigkeit zu verdanken) ausgiebig.

 

Am Morgen des zweiten Tages saßen Boss und ich gerade beim Frühstück, als es geschah. Das Telefon klingelte.

 

Und dann hörte ich Boss laut schreien.

„Oh nein das ist ja ein Alptraum“.

Aha! Sie haben sie also auch. Wenn auch offensichtlich mit offenen Augen?

Was aber war geschehen? Nun, das würde ich noch zu spüren bekommen.

 

Aber erst einmal der genaue Wortlaut des Gesprächs.

 

Boss <fröhlich>: „Guten Morgen, liebste Frau Kollegin, gut geschlafen?“

Beste Kollegin der Welt <angestrengt>: „Guten Morgen. Wo genau BIST Du?“

Boss <(noch) entspannt>: „Ich sitze gemütlich mit Pepe beim Frühstück, in einer halben Stunde fahren wir dann los in Richtung Messe.“

Beste Kollegin der Welt <mit leicht gepresster Stimme>  „In einer halben Stunde los? Aber Ihr müsst in genau 3 Minuten auf der Bühne stehen!“

Boss: <mittlerweile etwas beunruhigt>: „Das kann nicht sein, es ist doch erst 10 Uhr und der Vortrag beginnt um 11.“

Trotz allem immer noch beste Kollegin der Welt <säuselnd>:„3 vor Zehn wäre es. Wäre nicht heute Nacht die Zeitumstellung erfolgt. Daher haben wir jetzt genau 3 Minuten vor 11. Und unser Vortrag (zu dem Du übrigens das Skript und den Datenstick bei Dir hast) beginnt um 11. Und da draußen warten mehr als 100 gespannte Zuschauer auf mich, Dich und Deinen kleinen K……!!“. An dieser Stelle und nach einigen weiteren eher unschönen Äußerungen endete das Gespräch abrupt. Den genauen Wortlaut möchte ich dem geneigten Leser an dieser Stelle ersparen, es gibt ohnehin definitiv freundlichere und angemessenere Bezeichnungen für meine Wenigkeit. Und ich konnte doch am allerwenigsten dafür…..Der Kollegin von Boss seien die winzigen verbalen Ausrutscher im Nachhinein auch verziehen, da sie sich ja in einer durchaus etwas angespannten Situation befand (und im Gegensatz zu uns auch kein köstliches Frühstück genossen hatte).

 

Was den weiteren Verlauf des Vormittags betrifft- sie nennen es interessanterweise „mit wehenden Fahnen..“. Mit diesem Ausdruck beschreiben sie so etwas wie eine beschleunigte (An)reise oder Fahrt. Die hatten wir dann in der Tat. Also jedenfalls nachdem Boss sowohl das Marmeladenbrötchen (natürlich auf die falsche Seite) UND das Telefon aus der Hand (und letzteres in die Marmelade) gefallen waren, er sich beim (recht zügigen) Rasieren geschnitten hatte und zu allem Übel auch noch feststellen musste, dass sein ganzer Stolz, das „Vortragshemd“ sich noch im Trockner befand. Nur leider nicht trocken.

 

Boss hatte zu meinem völligen Unverständnis im weiteren Verlauf der verbliebenen Zeit dann auch wenig Geduld (so ein Häufchen muss aber nun einmal wohl überlegt und sorgsam platziert werden) mit mir und noch weniger Verständnis dafür, dass ich auf dem Weg zum Auto wenigstens kurz die Morgenlektüre an diversen benachbarten Gartenzäunen absolvieren musste. Er riss sich zusammen, sein Gesichtsausdruck verriet mir dennoch unmissverständlich (wir sind ja nicht dumm), dass auch ich mich wohl besser ein klitzekleines Bisschen zu beeilen hätte….

 

Voller Stolz kann ich im Nachhinein zwei Dinge behaupten:

Erstens: wir schafften es in sage und schreibe 16 Minuten auf die Bühne. Zweitens: wenigstens ich sah blenden aus wie immer und bekam dafür auch einen (kurzen aber) freundlichen Begrüßungsapplaus.

 

Was den Part blendendes Aussehen betrifft, muss ich gestehen, dass man selbiges von Boss wohl kaum noch behaupten konnte. Er sah trotz einer hochroten Gesichtsfarbe recht gestresst aus und war vollkommen außer Atem (und das Hemd war auch noch nicht ganz trocken) als er die Bühne betrat. Oder besser auf die Bühne stolperte („Und da ist ja auch unser Herr Dr. B.“), denn aus mir unerklärlichen Gründen war er in der Eile auf der Bühne noch über meine Leine (ich hatte doch nur kurz an einem Stromkabel schnuppern wollen) gestolpert und konnte sich gerade noch fangen, um nicht über den Bühnenrand hinaus ins Publikum zu stürzen.

 

„Was für ein Mist“ hörte ich ihn leise ausrufen. Leider hörten dies weniger leise auch die Zuschauer denn man hatte Boss praktisch im Vorbeieilen mit einem Mikro-headset  ausstaffiert und letzteres auch gleich aktiviert.

 

Das Publikum schien am Ende (sicher dank meiner Wenigkeit) dennoch recht angetan und bedankte sich mit einem entsprechenden Applaus und alle waren glücklich. Natürlich werden Boss und ich irgendwann wieder Vorträge halten. Irgendwann.

geschrieben von Dr. Martin Bucksch
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