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24.02.16

Pepe in Bella Italia

Dolce Vita in bella Italia

Von Christian B.

 

Wie alle Vertreter der Gattung Tierärzte will –oder muss- sich auch Chef in regelmäßigen Abständen fortbilden. Viele zu diesem Zweck besuchte Fachtagungen finden jedoch nicht gerade vor der Haustür statt, so dass Chef schon einmal die Bahn, den Flieger oder sein Auto besteigen und in entfernte Gefilde entschwinden muss. Selbstverständlich nicht ohne ein jedes Mal (zurecht) chronisch schlechtes Gewissen, denn auch wenn es Hundepensionen und willige Freunde und Bekannte gibt, die (natürlich) stets bereit sind, mich aufzunehmen, so ist es sicher schwer, einen so außerordentlich liebenswerten, folgsamen und treuen kleinen Kerl (meine Wenigkeit!) daheim zurück zu lassen und seinen mahnenden (und tieftraurigen) Blicken beim Abschied zu widerstehen. Ich praktiziere das Ritual der „vorwurfsvollen Blicke“ immer schon mit großem Erfolg beim Kofferpacken. Zu meiner Entlastung sei an dieser Stelle darauf hin gewiesen, dass wir Hunde aufgrund von bekannten verbalen Defiziten nie in der Lage sind, zu verstehen wie lange eine sich ankündigende Abwesenheit unserer Zweibeiner dauern wird. Jeder Abschied kann also potentiell ein langer, beziehungsweise endgültiger sein denn woher und wie bitte soll ich auch einen kurzen Gang zum Einkaufen von einer längeren Abwesenheit aus anderen Gründen unterscheiden…

 

Wie dem auch sei, eines schönen Tages stand für Chef eine fünftägige Fachtagung im Norden Italiens an und er beschloss (hurra!), meine Zauberhaftigkeit und auch gleich noch einen guten –zweibeinigen- Freund einfach mitzunehmen. Der Tagungsort befand sich am Fuße der italienischen Alpen und Chef hatte die verlockende Idee, dass man die Veranstaltung mit einem kleinen Wanderurlaub in den Bergen kombinieren könne.

 

Die Koffer gepackt und auf ging es mit dem Auto, selbstverständlich bepackt mit einer Hundetasche,, die an Größe dem Koffer von Chef in keinster Weise nachstand. Natürlich bin ich reiseerprobt und –ebenso natürlich denn ich bin ja ein Hund- am liebsten immer dabei. Nicht dass ich etwas gegen Hundepensionen oder den ein oder anderen Freund von Chef habe, aber im Grunde ist er doch die beste Gesellschaft, die man für gelegentliches Schwanzwedeln, einem „ich-hab-dich-auch-lieb-Augenaufschlag“ und einige andere kleine einstudierte Kunststückchen praktisch für umsonst bekommen kann. Unter uns: unsere Zweibeiner halten sich vielleicht für die Krone der Schöpfung und eine auch uns Hunden weit „überlegene“ Spezies. Auf der anderen Seite sind sie jedoch auch derart leicht zu manipulieren, dass mir an dieser angeblichen Überlegenheit zuweilen -selbst ohne dabei an ihr im Vergleich zu unserem verkümmertes Geruchshirn zu denken- gewisse Zweifel kommen…However, nobody is perfect und viele von uns lassen sie einfach in dem Glauben, einer hochentwickelten, „zivilisierten“ Art anzugehören, was das Zusammenleben in aller Regel effektiv und mitunter sehr angenehm gestaltet.

 

Aber zurück zu unserer Reise. Zunächst einmal hieß es besagten Freund von Chef abzuholen, dessen Aufgaben nicht nur die Betreuung meiner entzückenden Wenigkeit während der Tagungsaktivitäten von Chef umfassen sollten, sondern auch die kommunikative (sprechen kann ich ja leider nicht beziehungsweise nicht auf eine für Euch verständliche Weise) Betreuung von Chef (der am liebsten selbst den Wagen fährt) während der knapp 1500 km langen Reise. Bedauerlicherweise sollte sich schnell herausstellen, dass unser gemeinsamer Bekannter die Nacht zuvor und wie unter Zweibeinern offensichtlich nicht unüblich ein wenig unterwegs, dabei dem ein- oder anderen Drink nicht abgeneigt und schließlich viel zu spät –besser früh- zuhause und im Bett gewesen war. Dies führte dazu, dass er bereits kurz hinter unserer Heimatstadt Hamburg und den Elbbrücken tief und fest eingeschlafen war und erst und mit den Worten „mein Gott war ich müde, sind wir schon an Frankfurt vorbei?“ am Fuße der Alpen erwachte. Das war’s also mit der verbalen Unterhaltung von Chef auf der langen Strecke, aber Freunde haben bekannter Weise neben der Fähigkeit zur verbalen Kommunikation auch noch andere Qualitäten. Und Menschen haben für alle Fälle Hörbücher.

 

Nach vielen hunde- und menschengerechten Pausen und Stopps erreichten wir Bella Italia und das laut Auskunft der Hoteldirektion „hundefreundliche“ (und wie sich herausstellen sollte äußerst elegante) Tagungshotel. Natürlich (wie könnte es anders sein) schlossen mich alle dort sofort in ihr Menschenherz und alles sah nach einem schönen Urlaub auch für mich aus. Zunächst jedenfalls.

 

Man entschied, den ersten Abend im hoteleigenen Restaurant zu speisen und wir waren müde aber glücklich (müde galt besonders für Chef, denn sein Freund und ich hatten die Fahrt ja überwiegend schlafend genossen). Meine Wenigkeit hatte seine restliche Müdigkeit dem entsprechend schnell unter dem Tisch ausgeschlafen und da Chef mich zu meiner freudigen Überraschung vergessen hatte anzuleinen, beschloss ich, von meiner ausgezeichneten Nase geleitet, einen winzigen Erkundungsgang zu starten. Dieser führte mich geleitet von meiner feinen Nase aus verständlichen Gründen und sehr zur Freude -zumindest einiger- der Küchenbediensteten auf direktem Wege in die (Hotel)küche. Dort gab es von Seiten der mir gewogenen Bediensteten leckere italienische Spezialitäten zu kosten, was mich kaum mehr als ein paar meiner –legendären und hoch wirksamen- Augenaufschläge sowie einige spontane „Sitz-„ und „Platznummern“ kostete. Ich persönlich habe die Erfahrung gemacht, dass man (auch unaufgefordert) mit der spontanen Ausführung kleinster Kunststückchen oft erstaunlich große Effekte erzielt. Im Nu hatte ich mir den Bauch mit Panchetta, Salame, Prosciuto und (dank meiner damals neuen besten Freundin Nicoletta) einem kleinen Teller Spaghetti alle Vongole vollgeschlagen. Erst der laute Ausruf „E che cavolo ci fa sto cane nella mia cucina?“ (sinngemäß: was zum ……hat der Hund in meiner Küche zu suchen?“) beendete -bedauerlicherweise vorzeitig- mein Festmahl, erschütterte meinen Glauben an die vielgerühmte italienische Gastfreundlichkeit und brachte Chef auf den Plan, dem schlimmstes schwante, als er die Flüche des erbosten Chefkochs aus der Küche hörte. Ein rascher Blick unter den Tisch auf den „verwaisten“ Liegeplatz und Chef begab sich nun seinerseits mit hochrotem Kopf vorbei an einigen indigniert den ihren (Kopf) schüttelnden italienischen Restaurantgästen („questi tedeschi…!“ Übers.: „diese Deutschen…!“) schnurstracks in die Küche. Das ganze klitzekleine „Missverständnis“ konnte schnell geklärt werden und das Versprechen auf ein ordentliches Trinkgeld sowie darauf, meine bepelzte Wenigkeit nunmehr an die Leine zu legen konnten den temperamentvollen italienischen Küchenchef dazu bewegen, sich –nicht ohne weitere nur eben leiser vor sich hin gemurmelte Verwünschungen- wieder seinen Aufgaben zu widmen. Zugegeben, die beherrschte er wie kein Zweiter wie mir mein dank einiger seiner Mitarbeiter bis zum platzen gefüllter Magen signalisierte.

 

So weit so gut, könnte man meinen. Könnte man. Zu meiner großen Überraschung jedoch schien die Reise (oder sollte es gar an den konsumierten italienischen Köstlichkeiten gelegen haben?) meinem Magen etwas zugesetzt zu haben. Die Folgen bekam (Gott sei Dank rechtzeitig) Chef in der Tiefe der Nacht zu spüren (oder besser trotz seines degenerierten Geruchsorgans zu riechen). Ich befand ohnehin, dass 4 Stunden Schlaf vorerst genug waren für uns und so dankte ich es ihm mit einem freundlich gewogenen Wedeln, als er sich –endlich- in seine Jogginghose und ein T-Shirt warf und mit mir die Treppen herunter in die italienische Nachtluft eilte. Merkwürdigerweise schien er wenig Verständnis dafür zu haben, dass ich von vielen neuen interessanten Geruchseindrücken animiert den nächtlichen Gassigang noch etwas auszudehnen beabsichtigte und es ging nach der Verrichtung einiger dringender Geschäfte meinerseits bedauerlicherweise direkt zurück in’s Hotel. Oder besser: sollte gehen. Denn in der nächtlichen Eile hatte Chef seine Türkarte auf dem Zimmer vergessen (Überlegene Spezies….?), die im des Nachts versperrten Hotel auch zum Öffnen der Eingangstür benötigt wurde, da die Rezepzion zwischen Mitternacht und sechs Uhr in der Früh nicht besetzt war. Auch die ausgesprochene Schönheit der nächtlichen norditalienischen Kleinstadt schien Chef seltsamerweise nicht wirklich davon abzuhalten, nun seinerseits die ersten italienischen Gepflogenheiten übernehmend einige Flüche und Verwünschungen auszustoßen. Auch schien er es außerhalb des Hotels und zu nächtlicher Stunde im Gegensatz zu mir recht frisch zu finden, jedenfalls machte er diesen Eindruck, was nicht zur Besserung seiner Laune beitrug….

 

Die Tagung am nächsten Tag lies sich gut an für Chef obwohl er wie mir von einem Kollegen (der die Tagung neben seinem Frauchen verbringen durfte) zugetragen wurde bereits während des ersten Vortrages (und bis zum Begin der Kaffeepause) fest eingeschlafen war. Dies wäre auch nicht weiter aufgefallen, hätte Chef nicht die Angewohnheit, beim schlafen gewisse, menschentypische Geräusche zu machen, die so habe ich mir sagen lassen nicht wenige zweibeinige Paare zum nächtlichen Verweilen (überlegene Spezies..?) in getrennten (!) Schlafräumen zwingen. Ich persönlich finde ja auch, dass es sich besser auf einer Decke (oder in Chef’s Bett) schläft, als auf einem unbequemen Tagungsstuhl…Da beschwere sich noch einer über Rückenschmerzen.

 

Vipern sind –unter anderem- beinlose Giftsspritzen, die offensichtlich besonders in den norditalienischen Alpen anzutreffen sind. Dass diese Schuppentiere für unsereins zum Problem werden können erfuhren wir zu meinem Pech von einer zweibeinigen Viper, die offensichtlich keine Hunde mochte und mit Genugtuung und genüsslich am Frühstückstisch des Tagungshotels nichts besseres zu tun hatte, als Chef eben von dieser Gefahr zu unterrichten („sie glauben doch nicht, dass sie Ihren kleinen Köter auf ihren geplanten Wanderungen einfach umher stromern lassen können. In den Bergen wimmelt es vor Giftschlangen, die gerade jetzt nach ihrem Winterschlaf voll mit Gift sind“). Diese Äußerungen verunsicherten Chef derart, dass ich die kommenden Tage stets angeleint neben ihm wandern musste. Gesehen habe ich keine einzige Schlange (außer der am Frühstückstisch) und ich bin mir bis heute nicht sicher, ob es sich bei besagten Äußerungen lediglich um taktisches Spielverderben der hundefeindlichen Signora handelte oder ob sie mir möglicherweise auf zwar äußerst unsympathische Weise aber im Grunde doch erfolgreich durch die böswillig beiläufig gestreute Information das Leben gerettet hat. Gewandert sind wir doch und haben uns die Laune nur teilweise verderben lassen…

 

Der Abreisetag verlief ebenfalls gut, zumindest relativ gut, wenn man von einem kleinen (meiner Meinung nach unbedeutenden) Fauxpas absieht, der mir in der feinen Lobby des Hotels passierte. Jeder Hundebesitzer kennt sicher die zauberhafte kleine Geste des so genannten „Schlittenfahrens“, mit der wir Pelzträger zuweilen unsere übervollen oder verstopften so genannten Analdrüsen entleeren oder uns auch ganz einfach einmal „hinten säubern“. Auf unsere Zweibeiner scheint dieses Ritual offensichtlich eine eher belustigende Wirkung auszuüben, was ich dem häufigen, respektlosen (!) Gelächter hundeunerfahrener Passanten während der besagten Aktion entnehme (auch diese Manierlosigkeit ist zweifelsohne kein Zeichen übergeordneter Intelligenz, wenn Ihr mich fragt).

Wie dem auch sei- Chef hatte am Abreisetag viel zu tun. Da waren die Koffer zu packen und ins Auto zu laden. Vorher galt es allerdings noch, das Auto wiederzubeschaffen, das die Carabinieri ungeachtet der Tatsache, dass das Halteverbotsschild derart verschmutzt war, dass man es nicht lesen konnte in der Nacht zuvor abgeschleppt hatten. Chef war eben an der Rezeption mit dem Auschecken beschäftigt und hatte in der Hektik wieder einmal vergessen, mich anzuleinen. Juxt in diesem Moment verspürte ich ein Zwicken im sagen wir hinteren Körperbereich (stark gewürzte Salami ist eben nichts für unsereins) und ich bemerkte zu meiner großen Freude den ausladenden großen (weißen) Teppich, der das Foyer des Hotels schmückte. Nichts eignet sich besser, um mithilfe einer kleinen Schlittenfahrt dem Zwicken und Kneifen Abhilfe zu verschaffen. Chef bemerkte die kleine Schlittenfahrt einmal in der Diagonale über besagten Teppich auch nicht weiter. Leider konnte man selbiges nicht von der hinter dem Empfangstresen weilenden Hotelchefin sagen. Ihre weit aufgerissenen Augen und einige erregte Äußerungen, die ich an dieser Stelle nicht weiterer kommentieren möchte, hatten mich am Ende doch noch verraten. Ich bin mir nicht sicher, ob wir im ansonsten wunderschönen Hotel zukünftig noch willkommen wären. Die Abreise jedenfalls erfuhr eine deutliche Beschleunigung und wir befanden uns schneller als gedacht auf unserem Weg zurück in Richtung Alpen und Elbbrücken. Den Umständen entsprechend gut gelaunt, fortgebildet und um einige Erfahrungen reicher. Während der Fahrt hörte ich noch so etwas wie „nie wieder mit Hund“, das ich allerdings zu ignorieren beabsichtige. Derartige Vorsätze halten bei Chef eh nie besonders lange……..

 

geschrieben von Dr. Martin Bucksch