Terra Canis Telefon Terra Canis Facebook
Terra Canis Up

20.07.17

Menschliche Unbelehrbarkeit. Der Sommer –und Frau B.- sind zurück

Wieder einmal wurde ich vergessen. Ja, Sie haben richtig gelesen- einfach vergessen. Kaum vorstellbar in Anbetracht meiner vor Charme und Schönheit sprühenden Borderterrier-Erscheinung. Und doch kommt es vor (ok, gelegentlich vor), dass Chef mich vergisst. Und zwar unter seinem Schreibtisch, wo ich es mir gemütlich mache, wenn gerade kein  Patienten behandelt wird. Unerhört finden Sie? Da haben Sie natürlich Recht auch wenn es zugegebenermaßen und fast zu meinem Bedauern eher selten vorkommt.

 

Denn trotz der Schmach des Vergessen-werdens (mich vergessen….) gibt es für meine Wenigkeit kaum etwas Spannenderes (und zuweilen Amüsanteres) als in der täglichen Sprechstunde vom Chef zu „assistieren“. Ich stehe ihm dabei natürlich mit Rat und Tat unauffällig unter seinem Schreibtisch „geparkt“ zur Seite. Besonders, wenn es schwierig wird weiß man meine moralische Überlegenheit und Souveränität zu schätzen, auch wenn Chef dies nicht an die große Glocke zu hängen pflegt. Auf der anderen Seite kann ich auch blitzschnell agieren wenn zum Beispiel die große Dose mit für die „Patienten“ bestimmten Leckerlis geöffnet wird. Einmal hat mich juxt in diesem Moment eine Katze vom Behandlungstisch aus bemerkt und darauf hin (wohl vor Schreck) befunden, dass es an der Zeit wäre, im Sprechzimmer ein wenig aufzuräumen. Zu meiner Entlastung sei angemerkt, dass ich während der gesamten halben Stunde, die es brauchte, um die Katze einzufangen still und brav unter dem Tisch liegen blieb und dass sie es war, die (In dieser Reihenfolge) die gesamte Jalousie, ein Mikroskop, eine Glasflasche mit Desinfektionsmittel sowie einige weitere Untersuchungsutensilien herunter riss und Chef spontan sowohl eine Kot-, als auch eine (größere) Harnprobe lieferte. Was dieser zu meinem großen Erstaunen (Menschen sind und bleiben mir zuweilen einfach unbegreiflich) mit wenig Begeisterung zur Kenntnis nahm, obwohl er doch kurz zuvor das Frauchen unserer Patientin gebeten hatte, entsprechende Proben zum Zwecke einiger Laboruntersuchungen zu beschaffen…..

 

So kam es also auch heute wie so oft und ich wurde (bevor wieder einmal eine erregte Katzenhalterin für die Entfernung meiner liebreizenden Wenigkeit sorgte) Zeuge einiger hoch interessanten Gespräche.

Telefonat vorab (klingelt):

 

„Oberschwester“ K. (Tiermedizinische Fachangestellte):

„Hier ist die Tierarztpraxis…was kann ich für S…….“

Frau B. (in der Praxis bestens bekannt) aus H. (schreit in den Hörer):

„Ich will einen Termin für Poldy“

  1. (Frau B. an Stimme und Tonlage erkennend):

„Hallo Frau B., worum geht es bitte?“

Frau B.:

„Das sagte ich doch schon oder haben Sie was an den Ohren? Es geht um einen Termin. Für meinen Poldi natürlich. Und zwar zackig!“

  1. (ruhig):

„Ich habe heute leider keinen Termin mehr frei, darf ich Ihnen einen Termin für morgen anbieten falls es sich nicht um einen Notfall handelt?“

Frau B. (bereits ungehalten):

„Es ist ein Notfall! Ein dringender..“

  1. (immer noch ruhig):

„Was genau fehlt unserem kleinen Poldi denn?“

Frau B. (genervt):

„Na er kratzt sich! Und im Übrigen ist es nicht unser….“

  1. (freundlich):

„Darf ich fragen, seit wann er sich kratzt?“

Frau B.:

„Sie dürfen nicht aber ok, ich sage es Ihnen trotzdem: seit 3-4 Wochen. Vielleicht auch seit ein paar Monaten…Ich schaue ja schließlich nicht jeden Tag auf den Kalender. Sie stellen aber auch Fragen..“

K.:

„Dann handelt es sich also doch nicht wirklich um einen akuten Notfall…“

Frau B. (explodiert):

„Unerhört! Na und ob es einer ist! ich kann das Gejucke und Gekratze nun wirklich nicht mehr ertragen. Außerdem stinkt der ganze Hund nach Teebaumöl. Und er wirkt depressiv.“

  1. (eine Augenbraue hochgezogen):

„Wieso riecht Poldi nach Teebaumöl?“

Frau B.:

„Na weil ich es auf sein Fell aufgetragen habe…ok, vielleicht ist mir dabei ein ganz kleines Bisschen die Flasche ausgerutscht….“

-PAUSE-

K.:

„Und darf ich fragen, warum Sie Poldi Teebaumöl aufgetragen haben?“

Frau B. (entnervt):

„Na gegen Ungeziefer Sie Laie, für alle Fälle sozusagen. Auch wenn Ungeziefer natürlich eigentlich vollkommen ausgeschlossen ist. Bei mir ist es nämlich sehr sauber müssen Sie wissen…..Also jetzt reicht es, Sie geben mir jetzt sofort einen Termin bei Ihrem Chef!“

K.:

„Ich rede kurz mit ihm, bitte bleiben Sie einen Moment…“

Frau B. (unterbricht erneut):

„Ja machen Sie schon Kindchen, Ich halte diesen Gestank wirklich nicht mehr aus…“

  1. (nach einer Minute):

„Ich habe jetzt mit dem Doktor gesprochen, kommen Sie heute Nachmittag in die Sprechstunde und bringen Sie ein kleines Bisschen Wartezeit mit“

Frau B.:

„Na sehen Sie Kindchen, geht doch. Ihr Chef wenigstens weiß was ein Notfall ist. Über die Wartezeit reden wir dann noch, ich will ja schließlich nicht, dass mein Hund sich wieder etwas in Ihrem Wartezimmer einfängt…“

K.:

„Wie meinen Sie…“

Frau B. (unterbricht)

„Schönen Tag“ (und legt auf, zuvor sind undeutlich Wörter zu hören wie „inkompetent“ und „Selbstüberschätzung“)

 

3 Stunden später in der Sprechstunde

 

Frau B. (nervös, ein misslungenes Lächeln andeutend)

„Herr Doktor, mein Poldi kratzt sich wieder. Er braucht sicher Kortison oder so was. Und ich musste 7 Minuten warten bei Ihnen…“

Chef:

„Ich sehe. Ich schaue ihn mir gerne an. Vor einem Jahr zur selben Jahreszeit hatten wir ja Flöhe bei ihm festgestellt…“

Frau B. (das Lächeln weicht schlagartig aus ihrem Gesicht):

„Das waren niemals Flöhe damals. Also so was…bei mir zuhause ist alles sauber.“

Chef:

„Aber wir haben damals einen (Floh) auf dem Hund gefunden.“

Frau B.: (über die Maße empört):

„Das war ein Zufall, den hat er sich natürlich Ihrer Praxis im Wartezimmer eingefangen.“

Chef:

„Aber verschwand der Juckreiz seinerzeit nicht nach einer gründlichen Behandlung gegen Flöhe?“

Frau B. (geht in Habachtstellung):

„Das ist richtig aber ich habe ihm damals auch etwas aus meiner Kräuterapotheke gegeben. Und Knoblauch. Gegen die Flöhe aus Ihrem Wartezimmer natürlich.“

Chef:

„Der (Knoblauch) giftig ist…“

Frau B. :

„Sag ich doch, sehen Sie…“

Chef:

„Giftig für Hunde! Unwirksam gegen Flöhe.“

Frau B.:

„Also das ist ja wohl…….Jetzt wollen Sie mir auch noch unterstellen, dass ich meinen Hund umbringen will?“

Chef (noch immer gelassen):

„Keineswegs, ich versuche nur, Ihnen klarzumachen…“

Frau B. (unterbricht)

„Und im Übrigen unterbrechen Sie mich ständig und machen mich völlig nervös anstatt sich um Poldi zu kümmern.“

Chef:

„Einverstanden. Wir sehen uns jetzt erst einmal Poldi’s Fell an“ (scheitelt das Fell auf dem Rücken, mehrere Flöhe fliehen in alle Richtungen).

„Sehen Sie- Flöhe. Und was ist das eigentlich für ein merkwürdiger Geruch, der von Poldi’s Fell ausgeht?“

Frau B.:

„Geruch? Unsinn….und überhaupt, nichts habe ich gesehen, Sie lenken mich ja dauernd ab. Außerdem sagte ich bereits dass Poldi keine Flöhe hat. Wir sind wie ich bereits ebenfalls sagte ein äußerst sauberer und hygienischer Haushalt. Flöhe hätte ich sicher längst bemerkt.“

Chef:

„Schauen Sie, ich zeige sie Ihnen.“

Frau B.:

„Da können Sie lange zeigen, das bilden Sie Sich sicher nur ein….Im Übrigen habe ich auch meine Lesebrille gar nicht dabei.“

Chef (mit sinkender Laune):

„Also wenn Sie meiner Diagnose nicht trauen..“

Frau B. (unterbricht wieder):

„Welche Diagnose wenn nichts zu sehen ist?“

Chef:

„Aber ich sehe doch die Flöhe auf Ihrem Hund“ (zeigt auf einen Floh, der blitzschnell mit einem riesigen Satz direkt in Frau B.’s Dekolleté springt und dort verschwindet).

 

Frau B. (sich kratzend reißt Poldi, der mir noch einen entschuldigenden Blick zuwirft, vom Behandlungstisch):

„Na ich wusste es ja gleich. Erst bekommt man keinen Termin, dann wird einem mangelnde Hygiene unterstellt, dass man seinen Hund vergiften  will und am Ende hat man nicht einmal eine ordentliche Diagnose. Komm Poldi, das lassen wir uns nicht länger bieten…(Abgang Frau B.) „Ach ja und die Waage im Wartebereich, die lügt auch! Guten Tag!“

 

Bevor Frau B. ihren armen Poldi hinter sich her ziehend fluchtartig das Behandlungszimmer verlässt, das Wort „Fehldiagnose“ auf den zu einem schmalen Spalt verengten Lippen und eine Duftwolke von Teebaumöl hinter sich und Poldi her- und durch den gesamten Wartebereich ziehend, treffen sich kurz unsere (Poldi’s und die meiner Wenigkeit) Blicke um im selben Moment etwas zu sehen, das von Poldi herunter und munter in meine Richtung hüpft- einen Floh. Das wird ein lustiger  Abend………

 

Nachtrag:

Aus gut informierten Kreisen wurde mir zugetragen, dass Frau B. einige Tage später bei ihrem Hautarzt gesichtet wurde, wo sie wegen „absolut unerklärbarer“ juckender Einstiche an ihren Unterarmen und Beinen vorstellig wurde („also Sie können mir glauben, so etwas hatte ich noch nie und bei mir zuhause ist es äußerst……“) und einen weiteren Tag später in einer (weit entfernten) Tierarztpraxis, wo sie ein Flohmittel käuflich zu erwerben versuchte („Ich sagte Ihnen doch schon, wir brauchen keine Untersuchung, ich weiß was meinem Poldi fehlt und jetzt machen Sie schon und geben mir das wirksamste Mittel aus ihrem im Übrigen ziemlich überschaubaren Sortiment. Hauptsache es wirkt. Und es geht Sie einen feuchten….an, bei wem ich sonst in Behandlung bin“).

 

geschrieben von Dr. Martin Bucksch
0 Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*