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7.01.16

Juckreiz beim Hund – eine einfache Diagnose? Was sie über allergisch bedingten Juckreiz wissen müssen.

 

Juckreiz gehört sicherlich zu den häufigsten Krankheitszeichen bei Hunden, mit dem Tierärzte und Tierhalter im Laufe eines Hundelebens konfrontiert werden. Und auch wenn Juckreiz von Schmerzen zu unterschieden ist, so sind die Grenzen fließend, handelt es sich doch um eine für den Patienten Hund wie gleichermaßen für den Tierhalter äußerst belastende Empfindung. Wissenschaftliche Studien konnten glaubhaft zeigen, dass anhaltender, „chronischer“- Juckreiz zu einer erheblichen Beeinträchtigung der Lebensqualität nicht nur von Hunden, sondern auch der Halter führen kann.

 

Für den Tierarzt ist (besonders chronischer) Juckreiz oftmals eine echte Herausforderung wenn es darum geht, die Ursachen heraus zu finden. Abgesehen von einigen „einfachen“ Fällen, in denen beispielsweise ein sichtbarer Flohbefall zur raschen Diagnose und Lösung des Problems führt, können Juckreiz und die damit verbundenen Symptome (Kratzen, Lecken, Knabbern etc.) auf eine Vielzahl verschiedener Erkrankungen (Parasiten, Allergien, psychische Störungen, Tumor- und sonstige Erkrankungen) zurückzuführen sein.

 

Ein bekannter Kollege und Veterinärdermatologe pflegte auf die Frage ungehaltener und/oder ungeduldiger Hundehalter „und warum wissen wir jetzt immer noch nicht, warum er sich kratzt?“ ein Blatt Papier aus seiner Schreibtischschublade zu ziehen, auf der sich eine Auflistung von etwa einhundert verschiedenen Ursachen von Juckreiz befand. Auf diese Art und weise pflegte der Kollege für Verständnis zu werben wenn es darum ging, die Vielschichtigkeit des „Problems Juckreiz“ darzustellen.

 

Die wichtigste Aufgabe des Tierarztes lautet also, heraus zu finden, warum ein Hund unter Juckreiz leidet. Und hier kommen Sie, liebe Halter ins Spiel. Denn nichts ist gerade bei chronischem, unklarem Juckreiz so wichtig wie die so genannte Anamnese. Dieser Begriff bezeichnet das „Vor“gespräch zwischen Arzt und (da unsere Patienten nicht sprechen können) dem Tierhalter. Von großer Bedeutung ist hier die genaue Beobachtung und Beschreibung der Situation seitens des Hundehalters. Die Diagnose steht und fällt zu einem nicht unerheblichen Teil mit den Informationen, die der Tierarzt im Verlauf der Anamnese vom Tierhalter erhält.

 

Besonders bei anhaltendem, bereits länger bestehendem Juckreiz kann eine Art Juckreizprotokoll äußerst hilfreich sein, in dem Sie, liebe Tierhalter gegebenenfalls bereits im Vorfeld des Tierarztbesuches alles vermerken, das für das Krankheitsgeschehen auch nur annähernd von Bedeutung scheint.

 

Den Tierarzt interessieren hierbei besonders folgende Fragen:

  • eine genaue Beschreibung dessen, was Sie beobachten- Kratzen, Lecken, Knabbern usw. Für welche Körperpartien (z.B. Pfoten, Flanken, Bauch, Kopf, Ohren) interessiert sich der Hund besonders?
  • seit wann genau besteht das Problem? Wie hat es begonnen (schleichend? Plötzlich?) Haben Sie selbst eine Vermutung bezüglich potentieller Auslöser (z.B. etwas Neues in der Umgebung des Hundes vor Beginn der Problematik, eine Umstellung der Ernährung etc.?
  • Gab es bereits früher einmal ähnliche Probleme und falls ja, bestanden diese möglicherweise stets zu einer bestimmten Jahreszeit? Diese Information kann wichtige Hinweise auf bestimmte Allergien (z.B. Gräser, Baumpollen etc.) oder auch Parasiten (Flöhe) liefern.
  • Wie stark ist der Juckreiz? Hier können Skalen hilfreich sein (z.B. 1-10).
  • Erhält der Hund einen dauerhaften beziehungsweise regelmäßigen Parasitenschutz/eine -prophylaxe (Entwurmungspräparate, Floh-, Insekten- und/oder Zeckenprophylaxe z. B. in Form von Halsbändern, Tabletten oder Spot-on-Präparaten)?
  • In was für einer Umgebung wird der Hund gehalten? Gibt es weitere Tiere im Haushalt? Sind andere Tiere ebenfalls betroffen oder auch im Haushalt lebende Menschen? Dies kann auf eine ansteckende Erkrankung (Parasiten, Hautpilze etc.) hin deuten.
  • Besteht möglicherweise direkter oder indirekter Kontakt zu Wild- oder Großtieren?
  • Bestehen Informationen über ähnliche Probleme bei Geschwister- oder Elterntieren? Nicht wenige Erkrankungen wie beispielsweise Allergien haben einen erblichen Hintergrund und in diesen Fällen sind oftmals verwandte Tiere ebenfalls betroffen.
  • War der Hund im Ausland (bestimmte Erkrankungen treten nur in bestimmten Regionen/Ländern auf)?
  • Wie wird der Hund gefüttert? Gibt es Hinweise darauf, dass bestimmte Nahrungsmittel nicht vertragen werden? Wie ist die Verdauung des Hundes (Anzahl der täglich abgesetzten Kothaufen, Neigung zu Durchfall, Blähungen oder Erbrechen?) Letzteres zielt auf die Frage nach möglichen Futterunverträglichkeiten oder Futtermittelallergien.

 

Der Tierarzt wird im Anschluss an das Vorgespräch nun damit beginnen, den Hund zu untersuchen, um anschließend eine vorläufige Liste der möglichen Ursachen zu erstellen und in Folge damit beginnen, verschiedene Tests durchzuführen um verschiedene mögliche Ursachen feststellen und/oder ausschließen zu können.

 

Zu den häufigsten Ursachen von Juckreiz gehören neben Parasiten (Flöhen, sonstigen Insekten und Spinnentieren wie Milben und Zecken) allergische Erkrankungen.

 

Zu den häufigsten Allergien bei Hunden gehören die so genannten Flohspeichel- oder Flohallergie, Umweltallergien (z.B. auf Gräser- oder Baumpollen, Hausstaubmilben etc.) sowie Futtermitelunverträglichkeiten/-allergien.

 

Allergien basieren auf einer Art „Überreaktion“ des Immunsystems des Patienten auf an und für sich harmlose Substanzen aus der Umwelt, wobei es zur Bildung von Abwehrstoffen (Antikörper) gegen „Allergene“, also die Allergie auslösenden Stoffe aus der Umwelt/der Nahrung etc. kommt, was letztlich zu entsprechenden Abwehrreaktionen und schließlich den entsprechenden Symptomen (z.B. Juckreiz, Verdauungsstörungen etc.) führt.

 

Entscheidend für das Verständnis von Allergien ist die Tatsachen dass jede echte Allergie einer „Vorlaufzeit“ bedarf, also einer Phase, in der der Organismus erstmals mit den Allergie auslösenden Stoffen („Allergenen“) in Berührung kommt, was wie bereits erwähnt die Grundvoraussetzung dafür ist, dass von Seiten der Körperabwehrmechanismen eine „Sensibilisierung“ gegen die entsprechenden Stoffe erfolgt. Kommt es nun zu einem wiederholten Kontakt mit dem Stoff, (über)reagiert nun das Immunsystem, indem es die vermeintlich schädlichen Stoffe zu bekämpfen beginnt.

 

Dies erklärt beispielweise warum Futtermittelallergien grundsätzlich auf Nahrungsbestandteile bestehen, die bereits länger (!) gefüttert werden, Flohallergien auf wiederholten Flohbefall erfolgen. Untersuchungen konnten zeigen, dass in diesem Fall gerade sporadische „Allergenexpositionen“ die Entstehung einer Allergie fördern.

 

Ein weiterer essentieller Aspekt, der zum Verständnis von Allergien und allergischem Juckreiz beiträgt ist die Tatsache, dass Allergien grundsätzlich kaum oder gar nicht „mengenabhängig“ sind. Dies bedeutet vereinfacht ausgedrückt, dass selbst die kleinste Menge Allergie auslösender „Stoffe“ (Allergene) genügt, um ein entsprechendes Krankheitsbild auszulösen und unter Umständen dauerhaft aufrecht zu halten. Für jemanden, der an einer Allergie gegen Erdnüsse leidet, kann bereits der Verzehr eines Salatdressings, das mit einem Hauch Erdnussbutter verfeinert wurde ernste oder gar tödliche Konsequenzen haben, wie wir wissen. Dies ist im Tierreich nicht anders.

 

Hierzu nur zwei Beispiele:

 

Oft werde ich als Veterinärdermatologe gefragt, wieso ein Hund, auf dem nicht die Spur eines Flohbefalls (Flöhe, Flohkot etc.) nachzuweisen ist, dennoch augenscheinlich an einer Flohallergie leiden kann beziehungsweise warum vorhandene Symptome wie Juckreiz und dadurch bedingte Hautprobleme eindeutig auf eine Flohallergie zurückzuführen sein können. Nun, Studien hierzu haben gezeigt, dass ein an einer Flohspeichelallergie leidender Hund faktisch keinen Flohbefall aufzuweisen braucht. Dass sporadische Flohbisse genügen, um das allergische Geschehen auszulösen und/oder über längere Zeiträume aufrecht zu halten. Eine Katze mit Flohbefall in der Umgebung des Hundes, ein entsprechend befallener Igel im eigenen Garten, all dies kann bereits ausrichen, um die Erkrankung aufrecht zu halten. Diese Tatsache wird dadurch untermauert, dass nicht wenige Hunde mit dem Verdacht auf eine Flohallergie auch ohne den Nachweis eines vorhandenen Flohbefalls allein durch die regelmäßige und konsequente Anwendung entsprechender Flohschutzpräparate symptomfrei gehalten werden können.

 

Ähnlich verhält es sich mit Hunden, die an einer Futtermittelallergie leiden. Reagiert ein Hund beispielweise auf Rindfleisch oder sonstige Produkte (z.B. Milchprodukte) vom Rind, so genügt es nicht, ihm als Hauptmahlzeit ein Produkt zu füttern, das kein Rindfleisch enthält, wenn nebenbei (sporadisch) Produkte verfüttert werden, die auch nur Spuren von Rindereiweiß enthalten (Achtung, auf den bei uns vertriebenen Futtermittelverpackungen/-etiketten muss lediglich die Hauptzutat namentlich ausgewiesen sein. Hinter Inhaltsangaben wie „tierische Nebenerzeugnisse“ können sich die unter Umständen bekannten Allergieauslöser durchaus „verbergen“).

 

Johnny

Johnny ist ein dreijähriger Beaglerüde mit einer bekannten Futtermittelallergie auf Weizenprotein. Mit einer Diät auf der Basis von ausschließlich Lamm und Kartoffel war Johnny nach der erfolgten Diagnose ein Jahr lang symptom- und Juckreizfrei. Eines Tages jedoch begann der Hund wieder damit, seine Pfoten zu beknabbern und sich ausgiebig am gesamten Rumpf zu Kratzen und er zeigte eine Entzündung der Ohrmuscheln. Nach einer intensiven Recherche und einem erneuten Gespräch mit dem Halter fanden wir heraus, dass die kleine Tochter einer Nachbarfamilie Johnny -nicht häufiger als ein bis zwei Mal pro Woche- ein Stückchen von ihrem Frühstücksbrötchen fütterte. Diese Menge genügte bereits, um bei Johnny einen andauernden starken Juckreiz hervorzurufen, der erst aufhörte, als die Nachbarstochter überzeugt und mit kleinen Stückchen getrockneten Lammfleisches ausgestattet wurde.

geschrieben von Dr. Martin Bucksch
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