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20.10.15

Is’ was, Dog?

Mein Name ist Pepe.
Ich gehöre einer eher häufigeren Art an – ich bin ein Hund. Ein Borderterrierrüde fortgeschrittenen Alters um ganz genau zu sein. Und doch gehöre ich auch einer eher seltenen Tierspezies an. Dies liegt nicht an mir, sondern an Chef. Herrchen. Besitzer, Hundepapa, ich persönlich halte nicht viel von diesen klischeebehafteten Bezeichnungen und nenne ihn deshalb einfach Chef. Er ist gewissermaßen (und meistens) ja auch der „Rudelchef“, zumindest lasse ich ihn dies glauben, das vereinfacht das tägliche Zusammenleben mitunter erheblich.

Chef ist eigentlich in Ordnung. Ok, ganz in Ordnung. Ein Manko hat er nämlich (wenigstens)- seinen Beruf! Chef ist Tierarzt. Und somit gehöre ich der eher seltenen Spezies Tierarzt-Hund an. Nicht dass ich etwas gegen seinen Beruf hätte. Ok, wer mag schon Ärzte. Und manchmal ist sein Beruf durchaus hilfreich (vor allem, wenn ich neue Futter sozusagen als Tester ausprobieren oder bei den Praxismitarbeitern erfolgreich betteln darf). Man kann in der Praxis auch viele täglich wechselnde und für meine sensible Jagtterriernase zum Teil äußerst interessante und spannende „Düfte“ aufnehmen (Ihr würdet dies vermutlich im ein- oder anderen Fall anders „sehen“). Aber sein Beruf bringt auch die leidliche Tatsache mit sich, dass man praktisch rund um die Uhr (nein, Tierärzte kennen keinen Feirabend) einer besonderen –medizinischen- Generalüberwachung ausgesetzt ist und dass man- pardon- keinen Haufen machen kann, ohne dass dieser sorgsam inspizier wird und wenn ich wieder einmal meine Nase etwas zu tief in einen Maulwurfhügel gesteckt habe und dreimal niese, heißt es schon ab auf den Behandlung- und Untersuchungstisch (Mein Fazit daher:  möglichst nicht niesen, den Maulwurfhügel dennoch mitnehmen). Letzteren (den Tisch) mag ich übrigens verständlicher Weise gar nicht aber das gehört in ein eigenes Kapitel.

Dafür darf ich jeden Tag mit in die Praxis und habe dort sogar einen Logenplatz erster Kategorie. Ich residiere direkt hinter der Anmeldung, sozusagen um den Überblick zu  haben und zu behalten. Ok, einmal wurde ich verbannt. Ich muss wohl –wieder einmal- irgend etwas schlechtes zu mir genommen haben und hatte -mit Verlaub- Blähungen. Das Problem an der Sache waren nicht die Blähungen. Wohl aber die Tatsache, dass das Ergebnis derselben für Eure Nase alles andere als angenehm zu sein schien. Hinzu kam erschwerend, dass der Empfangstresen recht hoch und mein Platz dahinter für die wartenden Tierhalter nicht einsehbar ist. „Oberschwester“ D. entschied darauf hin, mich aus meiner VIP-Position zu verbannen, da nicht ich, sondern sie die äußerst befremdeten Blicke der wartenden Kunden erntete…..
Zu allem Übel kommt noch, dass einige besonders informierte und aufmerksame Kunden der Praxis in der ich und Chef arbeiten ihre Nase durchaus über den Tresen stecken und meinen Gesundheitszustand aufmerksam beobachten und ihn als eine Art Aushängeschild für die medizinischen Leistungen des Ladens werten. Ich habe mich daher auch dazu entschlossen, unglaublich gut auszusehen und jedem freundlich zu begegnen, nicht zuletzt kann man (Hund) nie wissen, wer unter Umständen auch noch das ein- oder andere interessante in seinen Taschen hat…..Dies muss Chef ja nicht sehen..oder wissen, falls Ihr wisst, was ich meine.

Kapitel 1
Mitbewohner

Ich selbst habe außer ein paar Zecken und lästigen Mückenstichen wenige Schmarotzer gesehen in meinem bisherigen Hundeleben. Dies mag am Beruf von Chef liegen oder auch ganz einfach daran, dass ich trotz meines unglaublich attraktiven Äußeren den meisten Schmarotzern einfach nicht „schmecke“. Dieses Schicksal ist einigen anderen Hundebesitzern offensichtlich nicht vergönnt, wie Chef und ich gerade wieder auf’s Neue erleben durften.

Dialog:

Tierarzt: Wo liegt das Problem?
Frau B.: Mein Hund kratzt sich.
Tierarzt (nach einer eingehenden allgemeinen Untersuchung des Hundes): So wie es aussieht, könnte es sich um eine Flohallergie handeln.
Frau B. (überrascht): Mein Hund hat keine Flöhe!
Tierarzt (scheitelt das Fell des Hundes): Das hier sieht nach Flohkot aus (er bringt ein paar aus dem Fell des Hundes gekämmte Krümel auf ein wenig angefeuchtetes Küchentuch, die sich prompt rötlich färben).
Frau B. (echauffiert): Wollen Sie mir mangelnde Hygiene unterstellen?
Tierarzt : Nichts läge mir ferner. Doch schauen Sie, da läuft sogar ein Floh.
Frau B.: (zunehmend ungehalten): Den kann er sich dann wohl nur in Ihrem Wartezimmer eingefangen haben.
Tierarzt: ausgewachsene Flöhe verlassen den Wirt kaum, außerdem sehen wir auf Ihrem Hund Flöhe und Flohkot- dies ist ein Beweis für einen bereits länger bestehenden Flohbefall.
Frau B.: Sie wollen mir also doch mangelnde Hygiene unterstellen?!
Tierarzt: Nein, ich unterstelle Ihnen immer noch keine mangelnde Hygiene. Aber Ihr Hund hat Flöhe und dagegen sollten Sie/sollten wir etwas tun, wenn Sie das Problem lösen wollen.
Frau B. (nüchtern): also gut, dann geben Sie mir halt was.
Tierarzt: wir geben Ihrem Hund ein Mittel zur Anwendung auf die Haut oder eine Tablette und wir müssen seine Umgebung behandeln, ein Flohweibchen legt bis zu 2000 Eier im Monat und die befinden sich neben den Entwicklungsstadien wie Larven und Puppen in der häuslichen Umgebung.
Frau B. (nun wieder erbost): Also doch!  Ich pflege eine ausgeprägte häusliche Hygiene und wenn Sie mir die nicht glauben wollen….
Tierarzt (unterbricht): Ich behaupte auch jetzt noch nicht, dass es bei Ihnen an häuslicher Hygiene mangelt. Ich lege Ihnen nur nahe, die gesamte Umgebung gründlich von möglicherweise vorhandenen Entwicklungsstadien der Flöhe zu befreien. Nur ca. 5 % der Gesamtflohpopulation befinden sich auf dem Hund. Die restlichen 95 % (bestehend aus den bereits genannten Entwicklungsstadien) befinden sich (immer noch) in der häuslichen Umgebung.
Frau B.: Jetzt habe ich aber genug..
Tierarzt: Wollen Sie nun, dass wir das Problem lösen?
Frau B. reißt dem Tierarzt das Flohmittel für den Hund aus der Hand und verlässt mit hochrotem Kopf die Praxis, nicht ohne sich lauthals am Empfang darüber zu beschweren, dass man ihr („bei mir ist es gepflegt und sauber, da können Sie gerne kommen und sich selbst überzeugen und überhaupt für diese Unterstellungen soll ich jetzt auch noch bezahlen??“) schlimmstes zu unterstellen versucht hat.

2 Monate später.
Am Telefon.
TFA (tiermedizinische Fachangestellte): Guten Tag.
Frau B.: (aus vollem Halse schreiend): Ich stehe unter meiner Dusche!
TFA: Ich verstehe nicht ganz?
Frau B.: Ich bin gerade aus dem Urlaub zurück.
TFA: Das ist schön für Sie aber ich…
Frau B. (immer noch schreiend): Ich stehe unter der Dusche und meine Beine sind schwarz.
TFA: Ich verstehe Sie nicht, auch wenn ich Sie höre. Also bitte beruhigen Sie Sich doch erst einmal.
Frau B. (wiederholt erregt): ich komme gerade aus dem Urlaub und bin direkt unter die Dusche.
TFA: Das (mit dem Urlaub) freut mich (und duschen müssen wir alle) aber wie kann ich Ihnen nun helfen?
Frau B. (zunehmend hysterisch): irgendetwas krabbelt auf meinen Beinen, die sind regelrecht schwarz (die Beine).
Nach weiteren, teils in den Hörer geschrienenen Informationen und der kurzen Überlegung seitens der TFA ob Frau B. tatsächlich einen Tierarzt -oder besser einen Psychiater- benötigen würde wurde rasch klar, was geschehen war.

Frau B. hatte sich nach der in ihren Augen vollkommen ausreichenden –einmaligen- Flohbehandlung ihres Hundes (mein Gott, dann hat er eben ein paar Flöhe, so etwas kommt schließlich vor) mithilfe des dem Tierarzt aus der Hand entrissenen Spot-on-Präparates in den sicher wohl verdienten (und vor allem nötigen) Urlaub begeben, nicht ohne den Hund zuvor in eine Hundepension zu verbringen. Aus dem Urlaub zurück und zuhause eingetroffen blieb der Hund zunächst in der Pension, damit Frauchen sich ausreichend akklimatisieren, in Ruhe ihr Gepäck auspacken (und duschen) konnte, um schließlich am kommenden Tag  Brutus (so lautete der Name des Hundes) aus dem Hundehotel abzuholen.
Während der längeren Abwesenheit von Frau B. war folgendes geschehen: tausende von Floheiern waren in der Wohnung geschlüpft, die Larven hatten sich verpuppt, um eines schönen Tages als adulte („fertige“) Flöhe das Licht dieser wunderschönen Erde oder besser die üppige Auslegewahre von Frau B. zu erblicken. Die Freude am Ende dieser Metamorphose wurde zunächst durch die Abwesenheit des „Endwirtes“ (Brutus) getrübt. Wie schön war es da doch, als eines Tages schließlich zwar nicht der Endwirt (Hund), sondern wenigstens ein so genannter Fehlwirt (in diesem Fall Frau B.) die Wohnung betrat und sich auch noch willig für eine überfällige und nunmehr üppige Blutmahlzeit entkleidete………

Die Moral von der Geschicht: Flöhe kennen keine Gnade nicht (und Chef hat eben doch manchmal Recht).

Frau B. sah sich am Ende und nach verschiedenen weiteren Anrufen in der Tierarztpraxis (das hätte man mir ja auch sagen können) gezwungen, einen Kammerjäger zu rufen, in einem Hotel zu übernachten sowie ihren Hausarzt aufzusuchen, nicht zuletzt, um ihr ein (pflanzliches) Beruhigungsmittel zu verschreiben. Wenn sie nicht gestorben –oder von Flöhen aufgefressen- ist, weilt Frau B. mittlerweile wieder in ihrer Bleibe, auch wenn sie in unser Praxis nimmer mehr gesehen ward.

Anmerkung aus tierärztlicher Sicht (von Chef): Aus den oben genannten Gründen muss bei einem Flohbefall neben der Behandlung des Patienten (und sämtlicher im Haushalt lebender Kontaktiere) stets auch eine gründliche „Behandlung“ der häuslichen Umgebung erfolgen. Zu diesem Zweck existieren Insektizid- oder auch neuerdings Silikonhaltige Sprays, sowie die so genannten „Fogger“, eine Art Verneblungskartusche, die geöffnet und in der Wohnung platziert wird. Studien zufolge ist tägliches und gründliches Staubsaugen sowie das Waschen bei mindstens 60° C aller Liegeunterlagen (Decken im Auto berücksichtigen) bereits äußerst erfolgreich. Auch muss die Behandlung der Tiere selbst nach einem angemessenen und vom verwendetet Produkt abhängigen Zeitraum wiederholt werden.

geschrieben von Dr. Martin Bucksch