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18.04.16

Antiparasitika- Möglichkeit oder Notwendigkeit – Segen oder Chemie?

Antiparasitika- Möglichkeit oder Notwendigkeit – Segen oder Chemie?

Dr. Martin Bucksch

Fachtierarzt für Kleintiere und Veterinärdermatologe

 

Schlüsselwörter

Spot-on-Präparat: Präparat zum punktuellen Auftragen auf die Haut (äußerliche Anwendung)

Line-on-Präparat: Präparat zum Auftragen auf die Haut entlang einer imaginären Linie

Ektoparasiten: Schmarotzer (Parasiten), die auf oder in der Haut leben

Endoparasiten: Parasiten der inneren Organe/Organsysteme wie z.B. Darm- oder Blutparasiten (verschiedene Würmer, Einzeller)

Repellierende Wirkung: ab“schreckende“, abhaltende Wirkung, die Insekten und Spinnentiere (Zecken, Milben) bereits am Biss hindert, also dafür sorgt, dass Zecken sich gar nicht erst „festsaugen“ können. Die meisten dieser Produkte  schützen auch vor Stichen/Bissen durch Mücken, Bremsen etc.

Wirt: Organismus, der von Parasiten befallen wird

Vektoren: Schmarotzer, die Keime/Parasiten (deren Entwicklungsstadien) in sich tragen, die sie in der Regel

während einer Blutmahlzeit vom Wirt aufgenommen haben und zu einem späteren Zeitpunkt durch einen Biss/Stich auf den neuen Wirt übertragen und diesen somit infizieren.

 

„So, das war die –jährliche- Impfung, nehmen Sie vorne an der Anmeldung noch eine Wurmkur und ein Floh-Und Zeckenschutzmittel für Ihren Hund mit“.

 

So oder ähnlich läuft es immer noch täglich in einer Vielzahl tierärztlicher Praxen ab.

 

Ein wesentlicher Bestandteil optimaler medizinischer und tiermedizinischer Versorgung besteht tatsächlich in der so genannten Prophylaxe, sinngemäß in der Anwendung vorbeugender, also Krankheit verhindernder Maßnahmen/Arzneimittel. Hierzu gehören vor allem Schutzimpfungen, sowie bei unsern Hunden die Anwendung so genannter Antiparasitika, Präparaten/Arzneimitteln also, die gegen Parasiten wirken beziehungsweise vor diesen schützen sollen.

 

Die gängige Prophylaxepraxis der letzten Jahrzehnte beinhaltete eine jährliche „Kombi“impfung, die in der Verabreichung mehrerer Impfkomponenten vorzugsweise in einer einzigen Injektion bestand. Dazu gab es meistens noch ein „Entwurmungspräparat“ in Tabletten- oder Pastenform, das wie der Name schon sagt darauf abzielt, möglicherweise im Darm des Hundes vorhandene Würmer abzutöten (also eigentlich keine vorbeugende Maßnahme!) und das laut den gängigen Empfehlungen in einer Frequenz von ein-bis viermal oder gar noch häufiger jährlich verabreicht werden sollte. Da es bei den so genannten Entwurmungsbehandlungen bei fast allen Präparaten um keine tatsächlich vorbeugende (schützende) Maßnahme handelt, muss der bedingungslose und Einsatz derartiger Präparate kritisch hinterfragt werden, da es Alternativen gibt, die ohne die unter Umständen sinnlose Verabreichung unnötiger Arzneimittel auskommen. So besteht beispielsweise alternativ die Möglichkeit  Kotuntersuchungen durchzuführen, die aufzeigen können, ob ein Hund überhaupt von Darmparasiten befallen ist (nur dann macht ein Entwurmungspräparat eigentlich Sinn). Schließlich schlucken auch wir nicht dreimal im Jahr ein Antibiotikum für den Fall, dass sich irgendwo im Körper möglicherweise eine unbemerkte Infektion angesiedelt hat….

 

Neben den genannten (Schutzimpfungen, „Wurmkuren“) Maßnahmen existiert eine ganze Bandbreite verschiedenster Produkte, die einen Schutz vor Zecken, Flöhen und (einige von ihnen) Milben und/oder Stechinsekten (Mücken, Bremsen etc.) bieten sollen. Hier handelt es sich tatsächlich neben der Behandlung bestehender parasitärer Erkrankungen um vorbeugende (schützende) Maßnahmen, die je nach Lebensumständen des Hundes überaus sinnvoll sein können wenn es darum geht, Erkrankungen (Infektionen, Parasiten), die durch Schmarotzer (Vektoren) übertragen werden können erfolgreich zu verhindern. So übertragen Zecken je nach Zeckenart und geographischer Region (Nordeuropa, Südeuropa etc.) teils gefährliche (besonders in Südeuropa) Infektionen, ebenso bestimmte Mückenarten (dies gilt derzeit noch überwiegend für Südeuropa). In letzterem Zusammenhang wird auch gerne von Reise- oder Mittelmeerkrankheiten gesprochen. Aufgrund von Klimawandel und zunehmender Reiseaktivitäten der Hundehalter befinden sich einige der genannten Erkrankungen/Infektionen bereits deutlich auf dem Vormarsch auch in Richtung Nordeuropa.

 

Doch wie sinnvoll ist die „prophylaktische“ Verabreichung von Antiektoparasitika (Gegen Insekten und Spinnentiere wirksame Präparate) wirklich? Wir hoch ist das Risiko der Übertragung von Infektionskrankheiten oder anderen Parasiten durch die Schmarotzer tatsächlich? Und –die am häufigsten gestellte Frage: ist „das nicht alles Chemie“? Welches Präparat eignet sich am besten für meinen Hund und muss ich ganzjährig für einen entsprechenden Schutz sorgen? Gibt es schonende Alternativen?

 

Nun, wie Sie Sich sicher schon denken können, verhält es nicht ganz so einfach und es gibt weder eine pauschale Empfehlung und erstrecht nicht das gleichermaßen ideale Produkt für jeden Hund. Tatsächlich sollte gemeinsam mit dem Tierarzt individuell und von Fall zu Fall unter sorgsamer Berücksichtigung verschiedener Faktoren entschieden werden. Dabei geht es nicht nur darum, ob überhaupt ein entsprechendes Produkt angewendet werden sollte, sondern auch und besonders welche Art Präparat.

 

Man kann fast von einer Modeerscheinung und bezogen auf die Pharmaindustrie einem regelrechten Wettrennen sprechen wenn es darum geht, wie sich der Markt der Anti(ekto)parasitika im Laufe der letzten Jahre/Jahrzehnte entwickelt hat. Dabei ging die Reise von den klassischen Flohshampoos und –Pudern über Flohhalsbänder für Hunde zunächst über äußerlich wirksame, so genannte Spot-on-Präparate (Mittel, die äußerlich und lokal auf die Haut des Hundes aufgeträufelt werden) bis hin zu den heute angesagten und modernen Line-on-Präparaten (ähnlich der Spot-on-Variante) und –neuerdings zunehmend angebotenen- Tabletten, die eine anscheinend recht sichere und zuverlässige Behandlungsmethode bei einem Befall mit verschiedenen Hautparasiten darstellen und die einen bis zu dreimonatigen Schutz vor den Schmarotzern bieten können.

 

Der Wirkungsmechanismus der verschiedenen Produkte unterscheidet sich teilweise erheblich und mit ihm hängt auch zusammen, welches Produkt gegen welche Schmarotzer wirkt beziehungsweise vor welchen Parasiten es schützt. So gibt es Spot-on-Präparate, die über die Haut aufgenommen werden, sich über die Blutbahnen im gesamten Organismus verteilen und auf diese Art und Weise nicht nur gegen die äußerlichen (Ekto)Parasiten wirken, sondern gleich noch gegen verschiedene (insbesondere Rundwürmer) Darmparasiten (Endoparasiten). Mittel mit „repellierender“, also abschreckender Wirkung (Mückenschutz) bleiben in der Regel „außen“ auf dem Patienten, die entsprechenden Wirkstoffe (überwiegend die so genannten synthetische Pyrethroide) reichern sich in den Haaren und der oberen Hautschicht an, wo sie (deshalb die abschreckende Wirkung) bei einem Kontakt mit dem Schmarotzer direkt und sofort auf dessen Nervensystem wirken, so dass es idealer Weise gar nicht zu einem Biss/Stich kommt.

 

Wo gehobelt wird fallen Späne heißt es so schön. Keine Wirkung ohne (mögliche) Nebenwirkung. Natürlich gilt dies -und alles andere zu sagen wäre gelogen- auch für unsere Antiparasitika. Erwiesenermaßen reichern sich bestimmte Wirkstoffe in den Körpergeweben des zu schützenden Patienten an. Zu einem Teil gewollt denn so kommt auch der potentielle Parasit mit dem Wirkstoff in Berührung. Einige Substanzen lagern sich in der oberen Hautschicht, der so genannten Epidermis ab. Diese erneuert sich beim Hund allerdings ungefähr alle 21 Tage, so dass man vereinfacht ausgedrückt sagen kann, der Wirkstoff „wächst rasch wieder raus“. Dasselbe geschieht mit einer Anreicherung in den Haaren der Tiere, die ja einem kontinuierlichen Wechsel unterliegen. Dies ist auch der Grund dafür, dass die Wirkungsdauer der meisten Präparate eben auf z.B. maximal 4 Wochen limitiert ist und die Anwendung in entsprechenden Intervallen wiederholt werden muss.

 

Nehmen wir einen Wirkstoff, der sich im Fettgewebe anreichert, so kann dies auch längerfristig der Fall sein, so dass es gegebenenfalls zu einer Ansammlung/Konzentration kommt. Die Frage muss in derartigen Fällen jedoch gemäß der Kosten-Nutzen-Frage lauten: wie hoch ist der Nutzen (wie groß die Wahrscheinlichkeit, dass mein Hund sich eine lebensbedrohliche Erkrankung durch einen Zeckenbiss/einen Mückenstich holt), verglichen mit den „Kosten“, also den potentiellen längerfristigen Nebenwirkungen. Denn ein möglicherweise erhöhtes Krebsrisiko nach 30 Jahren stellt bei einem Hund mit einer Lebenserwartung von 15 (Jahren) um es einmal klar auszudrücken sicher kein relevantes Risiko dar.

 

Tatsache ist, dass die Entscheidung über die Anwendung (oder Nichtanwendung) eines Schutzpräparates im individuellen Fall getroffen werden sollte und dies geschieht idealerweise in einem ausführlichen Beratungsgespräch mit dem Tierarzt und in Abhängigkeit von individuellen sowie geographischen Faktoren.

 

Sie leben in Nordeuropa in einer Großstadt und Ihr Hund wird fast nur an der Leine ausgeführt, Sie haben noch nie einen Flohbefall bei Ihrem Vierbeiner gehabt und wissen nicht einmal, wie eine Zecke aussieht? Sie suchen Ihren Hund täglich und gründlich nach Schmarotzern ab? Nun, in derartigen Fällen ist die Anwendung entsprechender Präparate mitnichten  zwangsläufig zu empfehlen oder unter Umständen lediglich während des wohlverdienten Sommerurlaubes auf dem Campingplatz.

 

In Ihren Breiten treten lediglich therapier- und heilbare Erkrankungen (z.B. die Lyme-Borreliose) und dies in geringer Häufigkeit auf und sie lassen regelmäßige Gesundheitschecks bei Ihrem Hund durchführen? Nun, niemand muss Ihnen sicher einreden, dass ein ganzjähriger konsequenter Schutz zwingend erforderlich sei. Ihr Hund hat bereits auf verschiedene Präparate mit allergischen oder sonstigen Erscheinungen reagiert? Auch hier sollte das „Kosten-Nutzen-Verhältnis“ sicherlich gründlich geprüft (gegebenenfalls auf Alternativpräparate ausgewichen oder ganz auf entsprechende Mittel verzichtet) werden.

 

Sie leben naturnah direkt am Waldrand, Ihr Hund ist den ganzen Tag mit Ihnen im Wald unterwegs und sammelt jede Zecke ein, die sich in der Umgebung aufhält? Sicher ist es ratsam, den Hund wenigstens während der Zeckensaison (Frühjahr/Frühsommer, Herbst oder je nach Region und den dort anzutreffenden Zeckenarten von Februar bis Dezember) zu schützen.

 

Sie haben einen Garten, in dem ein Fuchs ein- und ausgeht, Igel ihren Lebensraum haben und mehrere streunende Katzen ihr Unwesen treiben? Nun, ein wirksamer Flohschutz kann hilfreich sein, wenn Sie nicht bald eine ganze Flohpopulation in Ihrem Heim heranwachsen sehen und unter Umständen selbst gebissen werden wollen.

 

Sie haben einen erwiesenermaßen allergischen Hund (Umweltallergie, Flohbissallergie, Insektenstichüberempfindlichkeit usw.)?  Unabhängige Dermatologen- und Allergologenkommissionen empfehlen einen am besten ganzjährigen Schutz mithilfe repellierender (s. Schlüsselwörter) Präparate, um Allergie auslösende und –aufrecht erhaltende Faktoren stets auf ein Minimum zu reduzieren und dem Vierbeiner –und Ihnen- ein möglichst unbeschwertes, juckreizfreies Leben zu gestatten.

 

Sie reisen mit Ihrem Hund in bestimmte Gegenden/Regionen (Vorkommen bestimmter Zeckenarten wie z.B. der Auwaldzecke) oder gar nach Südeuropa? Die dort durch Zecken und einige Mückenarten übertragenen, teils gravierenden und gefährlichen Erkrankungen erfordern unbedingt einen entsprechenden Schutz mit vorrangig repellierenden, also auch Mücken (z.B. die Sandmücke als Überträger der gefährlichen caninen Leishmaniose) abweisenden Präparaten. Merke: gegen bestimmte Erkrankungen wie Borreliose oder auch die genannte Leishmaniose existieren Schutzimpfungen, die jedoch 1. keinen hundertprozentigen Schutz bieten und sich2. stets ausschließlich gegen die eine Infektion richten, so das die Übertragung weiterer, in den entsprechenden Gebieten vorkommender Erkrankungen nicht verhindert wird (kein Mehrfachschutz).

 

Sie haben einen Hund, der viel Kontakt mit ungeschützten (Hundegruppe, Dogwalker etc.) Artgenossen hat? Ein Flohschutz ist wenigstens in Erwägung zu ziehen.

 

Ihr Hund springt in jedes Gewässer und schwimmt täglich oder Sie meinen, ihn mindestens einmal pro Woche shampoonieren zu müssen? Bestimmte Präparate (repellierende Spot-ons) basieren auf wasserlöslichen Wirkstoffen, was unter diesen Umständen eine anhaltende Wirkung über den vom Hersteller angegebenen Zeitraum schwierig gestalten kann.

Hier kann –vorausgesetzt Sie reisen nicht in die o.g. Länder wie beispielsweise nach  Südeuropa-  ein „von innen“ wirksames, also oral (auch bestimmte Spot-ons), in Form einer Tablette zu verabreichendes Produkt eine sinnvolle Option sein.

 

Sie schaffen es wie der Autor nicht, pünktlich monatlich ein bestimmtes Präparat anzuwenden? Die „Pille für 3 Monate“ ist vermutlich besser für Sie geeignet, als ein alle 3 Wochen anzuwendendes Spot-on-Präparat…..

 

Sie haben einen Welpen, eine laktierende Hündin oder auch einen kranken Hund? Hier sollten Wirkung und mögliche Nebenwirkungen äußerst sorgsam und ebenfalls gemeinsam mit dem Tierarzt abgewogen werden.

 

Sie haben einen Hund und eine Katze, die zusammen ausgelassen kuscheln und sich gegenseitig putzen? Bestimmte Wirkstoffe (z.B. die repellierenden so genannten synthetischen Pyrethroide) werden von Hunden problemlos vertragen, während sie für Katzen äußerst toxisch (giftig) sein können. Auch hier gegebenenfalls auf ein anderes Produkt/einen anderen Wirkstoff ausweichen!

 

Ein Wort in eigener Sache. Falls Sie Halter eines Hundes sind, der beispielsweise aus Südeuropa stammt und bereits Träger der caninen Leishmaniose ist, sollten Sie ihren Hund ganzjährig mithilfe repellierender Präparate gegen Stechmücken schützen. Die Maßnahme zielt in diesem Fall nicht nur darauf ab, den Hund vor zusätzlichen Infektionen zu schützen, sondern die Ausbreitung einer sehr gefährlichen und auch den Menschen betreffenden Erkrankung („Zoonose“) zu verhindern. Derzeit kommt der Vektor (die übertragende Sandmücke) in Nordeuropa zwar nicht oder kaum vor, es wird jedoch davon ausgegangen, dass möglicherweise heimische Mückenarten zunehmend die Übertragung der Erkrankung „übernehmen“ können und werden!

 

Kleinkinder und immunsupprimierte Personen (Chemotherapie, HIV u.a.) im Haushalt können die Anwendung bestimmter Prophylaxemaßnahmen auch in einer höheren Frequenz wenigstens sinnvoll erscheinen lassen. Allerdings können wie bereits erklärt „prophylaktische“ Behandlungen (insbesondere „Wurmkuren“) durchaus durch „vorbeugende Untersuchungen“ (Im genannten Fall Kotuntersuchungen) ersetzt werden!

 

Sie Devise bei der Entscheidung über sinnvolle Schutzmaßnahmen sollte stets lauten so oft und so viel wie nötig, aber so wenig wie möglich.

 

Weitere usführliche Informationen und wertvolle praktische Tipps finden Sie unter:

www.esccap.de

 

 

geschrieben von Dr. Martin Bucksch
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